„… als fiele ein Sonnenschein in meine einsame Zelle“. Das Tagebuch der Luxemburgerin Yvonne Useldinger aus dem Frauen-KZ Ravensbrück

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Mehr als 20 Jahre lag in einem Archiv des Ruhrlandmuseums in Essen, neben zahlreichen anderen wichtigen Zeugnissen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, ein kleines, nach außen hin unscheinbares Heft mit der Aufschrift „An den Rand geschrieben“. Der erste Eindruck täuscht, denn bei diesem kleinen braunen 19-seitigen, ausschließlich mit Bleistift geschriebenen Heft in DIN- A5-Größe, handelt es sich um eines der wenigen geretteten Originaldokumente aus dem KZ Ravensbrück, geschrieben von der Luxemburger Kommunistin Yvonne Useldinger.

In Ravensbrück sterben mehrere tausend Menschen jeden Monat durch Hunger und Krankheit oder werden in der neu installierten Gaskammer oder im „Erholungslager Uckermark“ ermordet. Gleichzeitig versucht die Lagerleitung im Verein mit dem Rüstungskonzern Siemens, die Arbeitskraft der „arbeitsfähigen“ Häftlinge in Ravensbrück auf das äußerste auszunutzen.

Yvonne Useldinger  wird Anfang Dezember 1944 in ein von Siemens in unmittelbarer Nähe erbaute Lager verlegt. Die Situation dort, in der sie den Entschluss zum Tagebuchschreiben fasst, schildert sie später in einem Interview so: „Das Tagebuch ist entstanden dadurch, weil diese Veränderungen, … sehr groß waren, und weil wir da irgendwie in diesem klei- neren Lager zusammengewachsen sind mit unsern ganzen Problemen. … Das heißt, wir hatten eine Situation, in der es brodelte, in der die Häftlinge wütend wurden. Sie waren hungrig. Sie waren krank. Sie hatten keine Möglichkeit, sich zu versorgen. … Und dann kam auch diese Geschichte von Uckermark dazu, wo die Häftlinge an unserm Lager vorbei ’runtergebracht wurden, bevor wir ausrückten, und die dann zur Vergasung kamen und verbrannt wurden. Das haben wir alles, alles gesehen. Das mußt’ ich irgendwie festhalten!“1

Yvonne Useldinger hat Glück. Sie übersteht Typhus, Scharlach und andere – in dieser Situation – lebensgefährliche Krankheiten. Ende April 1945 wird Yvonne vom Schwedischen Roten Kreuz befreit. In ihrem Gepäck ist ihr Tagebuch. Am 27. April 1945 sitzt sie in einem Zug nach Schweden und schreibt ihren letzten Satz hinein: „Man ist es noch nicht.“ Was meint die Autorin damit? Was ist man noch nicht? Anstelle des Personalpronomens „ich“ steht das neutrale Pronomen „man“. Statt eines Prädikates ein Verweis auf die Zukunft – Ausdruck einer Hoffnung, die einen bestimmten Ausdruck entweder verloren oder noch nicht gefunden hat. Geschrieben im Stil einer Aussage, die keine mehr ist, weil sie den grammatischen Regeln einer solchen nicht gerecht werden will oder kann. So verweist die Autorin auch am Ende ihres Tagebuches auf die Schwierigkeit, eine den Ereignissen entsprechende Sprache zu finden, eine Sprache, die Unmögliches leisten muss: Ungeheuerliches, kaum Nachvollziehbares soll beschrieben, Unglaubliches glaubhaft gemacht werden. „Wie ist man geworden u. was?“, fragt Yvonne Useldinger Ende März in ihrem Tagebuch, „Ein Mensch? Nein. Eine Bestie? Auch nein. Eine Maschine mit einigen Stromunterbrechungen.“

 

Schreiben im Konzentrationslager

Wer ein Tagebuch oder überhaupt einen Text schreibt, wird immer wieder feststellen, dass ihm/ ihr die Worte fehlen, aber auch, dass die gewählten Worte den beschriebenen Ereignissen nicht gerecht werden können. Die meisten Schreibenden stehen vor dem Problem, wie sie ihre individuelle Erfahrung darstellen und mitteilen können, ohne diese in allgemeinen Redewendungen und Ausdrücke verschwinden zu sehen. Diese Erfahrung, dass zwischen Erleben und Aufschreiben einer Empfindung oder eines Ereignisses immer eine Kluft zu überbrücken ist, wird besonders deutlich an einem Text, der unter den extremen psychischen und physischen Belastungen eines Konzentrationslagers geschrieben wurde. „Man fühlt, man denkt, doch die Worte fehlen!“, schreibt Yvonne Useldinger am 14. März 1945 in ihr Tagebuch. Oder: „Ich finde keine Worte mehr u. ich mag auch nicht.“ [12.3.45].

Im Tagebuch von Yvonne Useldinger verbindet sich in signifikanter Weise die Zerstörung, aber auch die Wiederherstellung und die Suche nach einer Sprache, die einen unversöhnlichen Sinn mitteilen soll. Insofern thematisiert der Text nicht „nur“ das Erzählte, sondern zugleich das Erzählen selbst. Yvonne Useldinger war sich während des Schreibprozesses der Schwierigkeit bewusst, einerseits Zeugin zu sein und gleichzeitig die Grenzen der schriftlichen Fixierung dieser Zeugenschaft zu sehen, die nicht in der einfachen Abbildung durch Sprache bestehen kann.

Die Sprachskepsis steht hier vor dem Hintergrund einer besonderen Erfahrung, und ist primär aus dieser heraus zu verstehen. Texte über Konzentrationslager unterwandern das gewöhnliche Text- verstehen. Denn die Sprache, die Häftlinge in die Konzentrationslager mitbrachten, konnte dem, was in ihm erlebt wurde, kaum gerecht werden. Und auch die Sprache, die die Nachgeborenen sprechen, bietet wenig Anhaltspunkte für die Vermittlung derart extremer Erfahrungen. Viele Überlebende fühlen sich daher missverstanden, sobald sie ihre Erlebnisse auch nur mitteilen wollen. Über ihre Erlebnisse in Ravensbrück spricht Yvonne Useldinger nicht mit ihrer Familie: „Es hat Jahre gedauert, bevor ich in einem Kreis von eben Resistenzlern mal etwas fallen ließ. Aber ich habe nie über die Situation im Lager … geschrieben noch gesprochen. … Und niemand hat auch gewagt, eine Frage an mich zu stellen.“(2) Auch mit ihren Kindern Fernande (1942-1994) und Arthur junior (geb. 1952) spricht Yvonne nicht über ihre Haftzeit, um sie nicht zu belasten.

Das Tagebuch von Yvonne Useldinger als literaturwissenschaftlicher und historischer Forschungsgegenstand

Nach einem längeren Praktikum und mehreren Jahren Engagement für die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück entschloss ich mich, das Tagebuch, seine Edition und ausführliche Kommentierung zum Gegenstand meiner Doktorarbeit zu machen. Tagebücher aus Konzentrationslagern müssen in mehr oder weniger mühsamen Arbeitsschritten les- und verstehbar gemacht werden. Dazu gehört etwa die historische, jeweils lagerspezifische und biografische Kontextualisierung, aber auch die eigentliche semantische Dekodierung der tradierten Ego-Texte.

Im Verlauf der Arbeit bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass diese originalen, einzigartigen unter Extrembedingungen entstandenen Quellen in der Forschung zum Nationalsozialismus bisher zu wenig Beachtung gefunden haben. Ein Grund dafür ist, dass Tagebücher aus Konzentrationslagern in vielen Fällen lediglich als historische Quelle benutzt und interpretiert werden und nicht als eine subjektive Ausdrucksform. Auch Tagebücher aus Konzentrationslagern sind immer – wenn auch in sehr unterschiedlichem Maße – Beschreibung und Dokument des subjektiven Erlebens, der Weise, etwas zu erfahren, der eigenen Empfindungen und Gefühle.

Vor diesem Hintergrund ist meine Doktorarbeit ein Plädoyer für einen schwierigen Text, der, entstanden in einer außergewöhnlichen Situation, auch besondere Aufmerksamkeit verdient hat. Zunächst habe ich das Tagebuch mit einem sehr ausführlichen Kommentar versehen, der auf die verschiedensten Quellengattungen wie Interviews und Briefe zurückgreift, aber auch Dokumente wie Kassiber, Zeichnungen und Gedichte von Mithäftlingen berücksichtigt. Dabei war es ein besonderer Glücksfall, dass ich Yvonne Useldinger auch noch selbst zu ihrem Tagebuch befragen konnte.

Bei der Lektüre des Tagebuchs wurde deutlich, dass man hier oft zwischen den Zeilen lesen muss, denn die extreme Situation, die bedrohliche Atmosphäre von Gefangenschaft und Todesangst, in der sich die Autorin des Tagebuches befand, zeigt sich unter anderem gerade auch in einer Spannung zwischen Gemeintem und tatsächlich Aufgeschriebenem. In weitaus höherem Maße und in anderer Form als sonstige konstituiert sich dieser Text über scheinbar Unwichtiges und Nichtgenanntes; mehr als andere Texte verweist er auf einen Subtext des Nichtgesagten.

Yvonne Useldinger reagierte auf die ambivalente Situation ihres Schreibens: Einerseits erforderte die Lage, in der sich die Autorin befand, die schonungslose Aufdeckung und Dokumentation der Ereignisse im Konzentrationslager Ravensbrück. Andererseits war es unmöglich, alles zu dokumentieren, da ihr im Falle der Auffindung des Tagebuchs durch die SS-Wachmannschaften die Todesstrafe drohte. Viele Eintragungen erklären sich aus dieser permanenten Bedrohungssituation. Die Eintragung „Küchenproblem“ [1.3.1945] meinte das Beschaffen von Nahrung, „Aufklärung notwendig“ [11.3.1945] ein Treffen mit ihrer Widerstandsgruppe und mit der Eintragung „Beim Zahnarzt“ [13.3.1945] verklausulierte die Autorin das Beschaffen von Informationen aus dem großen Lager und die Rettungsaktion einer Mitgefangenen.

Die anschließende Biografie Useldingers thematisiert auch die Lebensphasen der Autorin vor bzw. nach ihrer Inhaftierung. So konnten Erkenntnisse über Gründe und Umstände der Verhaftung, die soziale Herkunft und die in letzter Zeit oft diskutierte These der so genannten „vorkonzentrationären“ Prägung und ihr Einfluss auf Verhalten und Überlebenschancen in der Haftsituation in die Betrachtung einbezogen werden.

Obwohl die überwiegende Mehrheit der ehemaligen KZ-Insassen Häftlinge aus dem Ausland waren, ist ihr Schicksal im Gegensatz zu vielen deutschen KZ-Häftlingen nur unzureichend erforscht. Über die Vielzahl der in Ravensbrück inhaftierten, international vernetzten Luxemburgerinnen, über ihre Deportationswege, Umstände der Verhaftung usw. ist nur wenig bekannt. Meine Arbeit will ein Baustein sein zur Erforschung einer anderen – eben nicht nur national geprägten – Perspektive auf die Ereignisse in Ravensbrück.

Das Tagebuch als „Identitätsgehäuse“

Im biografisch orientierten Kapitel meiner Arbeit habe ich das Beziehungsgefüge von individueller Erfahrung und historischer Forschung anhand eines Einzelschicksals dargestellt.

Tagebücher sind aber immer auch Dokumente sprachlichen Handelns. AutorInnen reagieren mit ihren Eintragungen auf ein gesellschaftliches Umfeld und können nur in diesem Kontext verstanden werden. Viele Ausdrucksformen im Text von Yvonne Useldinger verweisen auf die Situation im Lager. Die zahlreichen Eintragungen ohne Zeitbezug („Schreckensbild des Lagers“, 19.2.1945) beispielsweise entsprechen einer Umgebung in der die Zeit im Erschrecken angehalten scheint. Mir erschien es daher wichtig, den lebensgeschichtlichen Teilen der Arbeit eine textanalytische und literaturwissenschaftliche Untersuchung anzufügen, in der die Sprache des Textes thematisiert wird.

Bei der Lektüre des Tagebuchs von Yvonne Useldinger fiel mir wiederholt auf, dass sich für die Autorin immer wieder die Frage nach ihrer Identität stellte. „Wer oder was bin ich jetzt?“, fragte sie sich mehrfach und „wer werde ich sein wenn ich hier herauskomme?“ Die Frage nach der Identität einer Person stellt sich in extremen Situationen häufiger als in gewöhnlichen lebenspraktischen Zusammenhängen mit sicheren Identitätsparametern wie Familie, Beruf und Freizeit. In existenziellen Krisenzeiten sind auch die Parameter der Identitätsfindung unbeständig. Identitätskonstituierende Entscheidungen können nur schwer getroffen werden, wenn nichts wirklich fest steht.

Tagebücher in dieser Situation waren ein autonomer Schutzraum vor andauernder Verfolgung, ein symbolischer Raum, in dem sich ein Ich artikulieren und entfalten kann.

Der Entwurfscharakter eines Tagebuchs ist besonders geeignet, die verschiedenen Komponenten und vorläufigen Fixierungen von Zuständen, Positionen und Gedanken, die vorübergehende Kons- tituenten von Subjektivität sind, auch im Sinne des „zu sich selbst Verhaltens“ zu formulieren. Es können sowohl potentielle als auch reale Möglichkeiten einer Ich-Identität artikuliert werden. Oft werden auf dem Papier Identitätsentwürfe ausprobiert, mögliche Selbstentwürfe durchgespielt, die in der Realität nicht ausgelebt werden können. – Diese bleiben im Imaginären und sind konstitutiv für die „Identitätsbalance“.

Tagebücher sind immer auch Distanz erzeugende Medien, da über die sprachliche Fixierung ein gewisser Abstand zu den beschriebenen Ereignissen hergestellt werden kann. Sprache mit ihren Ausdrucksmitteln schafft eine formale Distanz, einen anderen Blick auf die Ereignisse, eine Art Übersicht und Außenperspektive, die Raum lässt für eigene Reflexionen. Häftlinge eines Konzentrationslagers konnten so der seelischen Verwahrlosung entgehen, indem sie sich zu ihren eigenen Interpreten machten. Das bedeutete aber immer auch die schmerzhafte Infragestellung eigener Selbst- und Weltbilder. Widerstand während der nationalsozialistischen Verfolgung und die Zeit im Konzentrationslager brachte für viele Frauen eine Veränderung, einen Bruch mit den üblichen Lebensformen mit sich. Die Frauen mussten eine neue politische und soziale Identität entwickeln und damit ein Selbstbewusstsein, eine besondere Stärke ausbilden, mit deren Hilfe sie oftmals auch den schwierigsten Situationen im Konzentrationslager gewachsen waren.

Der Zwangsaufenthalt im Konzentrationslager veränderte weibliche Identifikationsmuster. An dem vorliegenden Tagebuch wird sichtbar, wie sich die konventionellen Erwartungen, die häufig an Frauen gestellt werden, mit den Erfahrungen des Konzentrationslagers überschneiden. Die Angst der Autorin vor „kommenden familiären Gebaren“ im Hinblick auf ihre Rückkehr [8.3.45] deutet auf einen Konflikt hin zwischen dem, was an geschlechtsspezifischen Individuations- und Moralvorstellungen in ihrer Familie auf sie zukommen würde, und was sie – nach solchen Erfahrungen – meint, erfüllen zu können.

Die unterschiedlichen Äußerungen im Tagebuch können als Facetten wechselnder Identitäten, als ein je verschiedenes Verhältnis zu sich selbst und zur Umgebung verstanden werden. So weist etwa ein häufiger Wechsel von Pronomen auf Formen von Distanzierung oder Annäherung zum Erlebten und Erzählten hin. In diesem Sinne kann eine Untersuchung der Beziehungen zwischen Personalpronomen und Aussageobjekten in einem (autobiografischen) Text Hinweise dafür liefern, in welchem Ausmaß sich die beschreibende Person von ihrem eigenen Erleben entfremdet oder sogar angesichts ständiger Bedrohung entfremden muss. Tagebücher sind Momentaufnahmen von Identität und Zustandsbeschreibungen einer gerade schreibenden Person. Die verschiedenen Identitäten, die der Text beschreibt, sind „Wellenbewegungen“ des Ich.

Jeder einzelne solcher und anderer geretteter Texte ist wichtig, beinhaltet er doch jeweils unterschiedliche Erfahrungen und berichtet Begebenheiten, die immer wieder aufs Neue in das öffentliche Bewusstsein eingeschrieben werden sollten.

 

„Ob man wirklich noch lebt?“ – Sprache als Indikator für Selbst- und Fremdverhältnisse des Autorinnen-Ich

Wie sehr diese Erschütterung die Sprache von Überlebenden bestimmt, zeigt sich daran, dass Yvonne Useldinger auch noch Jahre nach der Befreiung viele Erfahrungen subjektlos formuliert: „Daß die Vergasung nicht mehr statt fand und die Verbrennungen auch nicht mehr statt fanden“, schreibt sie im Jahre 1998 in einem Brief. Oder: „Es hat einfach aufgehört zu vergasen und zu verbrennen.“ In diesen Sätzen ist weder ein Subjekt noch ein Objekt des Handelns direkt benannt; an seine Stelle sind eine subjektlose Verbalkonstruktion bzw. ein unpersönliches „es“ getreten. Was noch in der Retrospektive wirksam ist, gilt um so mehr für die Notizen des Tagebuchs; dokumentieren diese doch unmittelbar den Zustand der Schreibenden in der traumatischen Situation. Nur in wenigen Fällen bringt die Autorin dort ihre Erfahrungen mithilfe des Pronomens „ich“ zum Ausdruck. Oft benutzt sie die Formen „du“ und „wir“, am häufigsten aber das unbestimmte Pronomen „man“. Der Ausdruck „man“ ist ein Indefinitpronomen zur Verallgemeinerung eines persönlichen Subjekts, das über die eigene Person hinaus auch andere nicht näher bezeichnete Personen mit einbezieht. Er dient im Tagebuch häufig der Abwehr subjektiv bedeutsamer Erfahrungen, die so in unpersönliche Redeformen gekleidet werden. Auf diese Weise gelingt eine Distanzierung von dem, was nicht hätte erlebt werden sollen. Gerade darin aber zeigt sich im Umkehrschluss eine besondere innere Nähe zum Erlebten. In den besonders schwer zu bewältigenden Situationen, in denen die Autorin zugleich ihre Handlungsunfähigkeit erlebt, wählt sie zur Beschreibung mehrfach diese Ausdrucksweise. So schreibt sie am 28.3.1945: „Man steht machtlos all diesem Geschehen gegenüber u. irgendwie fühlt man sich, ob man wirklich noch lebt? Ob man nicht selbst schon angebrannt ist?“ [28.3.45]. Diese Sätze, die die Bezeichnung eines erlebenden oder gar handelnden Subjektes umgehen, dienen zugleich der Abwehr und der Verarbeitung des Erlebten. Oft schreibt Yvonne Useldinger so, als wäre nicht sie es, die das Beschriebene erlebt hat, sondern eine andere Person.

Aber auch die Naturbeschreibungen und Metaphern sind ein adäquater Ausdruck der jeweiligen Befindlichkeit der Autorin. Ob sie als Gegensatz zum Lageralltag, analog zur Umgebung oder als atmosphärische Beschreibungen artikuliert werden – sie sind stets ein Indikator für Selbst- und Fremdverhältnisse des Autorinnen-Ich. Sie liefern Hinweise auf die Verfassung eines Ich, das sich erschöpft und einsam fühlte, das aber auch mit Sehnsucht die Zeichen der Natur wahrnahm: als Zeichen aus einer anderen Welt: „Heute zeigte sich mir ein anderes Bild“, schreibt Yonne Useldinger am 11. März 1945, „ein Schwan auf dem kleinen Teich bot ein wunderbares Bild zum zeichnen. Die Natur hier ist voller Überraschungen, obschon man immer dieselbe Aussicht hat, erlebt man immer wieder neue Wunder.“ Die Natur wurde aber auch als Bedrohung wahrgenommen: „Es sind die alten Frauen, die verhungerten Säuglinge“, schreibt die Autorin am 5. April 1945, „es ist die Sonne, die alles, alles aufsaugen möchte. Sie lechzt nach diesen offenen Wunden, nach diesen ausgemergelten Leibern. Wetteifernd mit der Glut des Krematoriums.“

Tagebuchschreiben im KZ bedeutete immer eine zusätzliche Gefährdung für einen Häftling wie auch für seine Mithäftlinge. Die Tätigkeit des Schreibens musste sorgfältig verborgen, Schreibunterlage und Schreibgeräte mussten unter großen Risiken beschafft werden.

Yvonne Useldinger „organisierte“ sich (was in der Häftlingssprache soviel wie „klauen“ bedeutete) Bleistift und Papier vom Tisch des Meisters bei Siemens. Das Tagebuch hielt sie tagsüber versteckt unter ihrer Arbeitsplatte und in der Nacht unter den Sachen, die ihr als Kopfkissen dienten.

Jeder einzelne solcher und anderer geretteter Texte ist wichtig, beinhaltet er doch jeweils unterschiedliche Erfahrungen und berichtet Begebenheiten, die immer wieder aufs Neue in das öffentliche Bewusstsein eingeschrieben werden sollten. Sie sollten nicht „nur“ deshalb veröffentlicht werden, weil in ihnen die Erlebnisse und der Überlebenswille von Menschen dokumentiert wird, die durch andere Menschen extreme Qualen und Demüti- gungen erlitten haben, sondern auch, weil sie Spuren legen zu der ungleich größeren Anzahl von Menschen, die ermordet wurden und von denen wir oft nicht einmal mehr die Namen, geschweige denn die Geschichte ihres Lebens kennen.

Tagebuchschreiben konnte die Häftlinge oft nicht vor der Ermordung schützen. Doch es konnte als eine Art Identitätsgehäuse die Lebensbewältigung im Konzentrationslager stützen. Es konnte in einer Situation der permanenten Todesbedrohung und Instabilität die Kontinuität einer geistigen Selbstbehauptung erzeugen.