„Nur ein Zeichenstift kann diese Impressionen wieder geben!“ Entrechtung, Vertreibung und Deportation der Familie Zielenziger

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Lilly Zielenziger mit ihrem Mann Kurt Zielenziger
Buch Kathrin Mess "Ich möchte so gerne überdauern..."
Das Tagebuch von Lilly Zielenziger aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen (Bergen-Belsen Kleine Reihe)

In diesem Vortrag wird die Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung und Deportation der Familie Zielenziger thematisiert. 

Dieser Vortrag basiert auf dem im KZ Bergen-Belsen geschriebene Tagebuch von Lilly Zieleinziger, das von Kathrin Meß in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen im Frühjahr 2017 herausgegeben wurde. Das Tagebuch wurde ergänzt durch einen ausführlichen Kommentaren und einer biographischen Spurensuche an Orten, wo sich die Familie aufgehalten hat (Potsdam, Berlin, Amsterdam, Westerbork, Bergen-Belsen, Tröbitz etc.). Es verarbeitet viele Dokumente und Interviews, die mit ihrem in Amerika lebenden Sohn geführt wurden. Entstanden ist ein kleines, aber sehr eindrucksvolles Büchlein, welches von den schrecklichen Verbrechen der NS-Zeit erzählt… 

Lilly Serafine Zielenziger, geborene Weyl, kam am 18. Dezember 1892 in Berlin zur Welt. Aufgewachsen ist sie mit ihren beiden Schwestern Leonie und Valerie in einem jüdisch-liberalen, emanzipierten Milieu in der Neuen Jacobstraße. 1918 heiratete sie den promovierten Journalisten und Wirtschaftsredakteur Kurt Zielenziger, der ebenfalls aus einem liberalen jüdischen Elternhaus stammte. Seine Eltern, Julius und Anna Zielenziger, stammten aus einer anerkannten, alteingesessenen Potsdamer Familie, die das gesellschaftliche Leben wesentlich mitbestimmte. Am 6. Februar 1920 bekamen sie ihren gemeinsamen Sohn Eric Wolfgang. Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Kurt Zielenziger arbeitslos. Zielenziger, der mit seinem Freund, dem Publizisten Alfred Wiener, 1928 das „Büro Wilhelmstraße“ (eine Initiative gegen Antisemitismus) gegründet hatte, erkannte sehr früh die große Gefahr, die von der NSDAP ausging. Die Familie emigrierte über Paris nach Amsterdam. 

Nach der Besetzung der Niederlande im Mai 1940 wurden dieselben diskriminierenden Gesetze erlassen, die bereits die jüdische Bevölkerung in Deutschland aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängt hatte.

Am 29. September 1943 wurden Lilly und Kurt Zielenziger verhaftet und in das sog. „Judendurchgangslager Westerbork“ verschleppt. Von dort aus kamen sie am 1. Februar 1944 in das KZ Bergen-Belsen. 

Einleitung und Textauszüge: 

Auszug aus dem Buch: „Ich möchte so gerne überdauern…“ Das Tagebuch von Lilly Zielenziger aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen. Eine Spurensuche
von Kathrin Meß

1. Lilly Zielenziger. Biographische Spurensuche
Einleitung

„Das erste Buch eines Jahres ist beendet, leider ohne dass der Krieg beendet ist“, so lautet am 29. September 1944 die erste Eintragung im Tagebuch von Lilly Zielenziger. Zu diesem Zeitpunkt ist die Autorin bereits ein Jahr im sogenannten „Aufenthaltslager“ Bergen-Belsen und hat mehrere Jahre der Entrechtung, Flucht, Vertreibung und Schikane hinter sich. Das Tagebuch, ein kleines, gut leserliches Heftchen, berichtet uns von ihren letzten Monaten. Es erzählt von ihren Ängsten, Sorgen, aber auch von ihren Hoffnungen, die sich auf ein Leben nach dem Krieg beziehen und auch von Freundschaften, die sie dort zu anderen Inhaftierten in Bergen-Belsen schließen kann.

Das vergangene Jahr – von Lilly Zielenziger wahrscheinlich symbolisch – als „Buch des Jahres“ im Sinne von „Chronik des Jahres“ bezeichnet, war ein sehr schweres Jahr. Wenige Monate nach ihrer Verhaftung und Deportation nach Westerbork und Bergen-Belsen verliert sie ihren Mann Kurt, mit dem sie über 25 Jahre verheiratet war, sie hat keine Nachrichten von ihrem einzigen Sohn Eric und auch keinen Kontakt zu ihren Schwestern Leonie und Valerie. „Seit beinah 2 Jahren weiss ich nichts mehr von Wallys Verbleiben, seit ¾ Jahr bin ich von Lony ohne Wissen, seit fast 3 Monaten ganz allein. Wie ist es möglich, dass man es erträgt?“, schreibt sie am 9. Oktober 1944 in ihr Tagebuch.

Gerade unter der extremen psychischen Belastungssituation eines Konzentrationslagers kann ein Tagebuch existentielle Aufgaben übernehmen. Es entlastet nicht nur das Gedächtnis, es konnte darüber hinaus einen kleinen symbolischen Schutzraum schaffen, in dem sich das Ich der Schreiberin frei entfalten kann. Ein Tagebuch kann eine „Balancierstange“ (Victor Klemperer) sein, das eine gewisse Kontinuität und seelische Balance in unsicheren Zeiten herstellt. Schreiben verschafft eine Distanz und Außenperspektive auf die Ereignisse, die notiert werden. Der Wechsel von einer passiv erlebenden zu einer aktiv beobachtenden Person ist ein wichtiges Mittel, nicht nur um sich als Individuum wahrzunehmen, sondern auch zur Distanzierung vom eigenen Erleben.
Mehrfach schreibt Lilly Zielenziger aus einer Perspektive der Entfremdung, als wäre sie in einem „anderen Leben“ gelandet, das mit ihrem nur wenig zu tun hat. So auch wenn sie sich vorstellt, als Komparsin in einen Film von Charlie Chaplin geraten zu sein oder meint, diese Situation nur mit einem Zeichenstift angemessen erfassen zu können.
Mit dem Schreiben des Tagebuchs bestätigt die Schreiberin ihre Identität als eine gebildete Frau, die über Kenntnisse aus den verschiedensten Bereichen verfügt.

Lilly Zielenziger, Fotograph unbekannt.

Tagebücher, die im KZ geschrieben wurden, sind keine vollständigen objektiven Schilderungen der Ereignisse eines Lagers, sondern subjektive Einblicke eines einzelnen Individuums. Es geht in ihnen vorrangig um das eigene Überleben, darum wie Essen besorgt werden kann, wieviel und was es zu essen gab, zu welcher Arbeit die Häftlinge eingeteilt werden, wie ihr gesundheitlicher Zustand ist und andere „Banalitäten“. Auch in dem Tagebuch von Lilly Zielenziger geht es nicht vorrangig um die Dokumentation von Sachverhalten, es nennt kaum Namen von SS-Angehörigen. Das Tagebuch eröffnet uns in seiner ganz eigenen Sprache einen Einblick in den Alltag eines weiblichen Häftlings, wie er allein über Fakten und Zahlen nicht zu erhalten ist.
Tagebuchschreiben konnte die Häftlinge nicht vor der Ermordung schützen, es konnte aber als eine Art Identitätsgehäuse die Lebensbewältigung im Konzentrationslager stützen. Es konnte in einer Situation der permanenten Todesbedrohung und Instabilität die Kontinuität einer geistigen Selbstbehauptung erzeugen.

Jeder einzelne gerettete Text ist wichtig, beinhaltet er doch jeweils unterschiedliche Erfahrungen und berichtet Begebenheiten, die immer wieder aufs Neue in das öffentliche Bewusstsein eingeschrieben werden sollten. Sie sollten nicht „nur“ deshalb veröffentlicht werden, weil in ihnen die Erlebnisse und der Überlebenswille von Menschen dokumentiert wird, die durch andere Menschen extreme Qualen und Demütigungen erlitten haben, sondern auch, weil sie Spuren legen zu der ungleich größeren Anzahl von Menschen, die ermordet wurden und von denen wir oft nicht einmal mehr die Namen, geschweige denn die Geschichte ihres Lebens kennen.

Dass dieses Tagebuch erhalten blieb, ist ein großer Glücksfall. Die auch mehrfach im Tagebuch erwähnte Lina Pfifferling, die ebenso wie Lilly Zielenziger über Westerbork nach Bergen-Belsen und Tröbitz deportiert worden ist, konnte das Tagebuch nach deren Tod aufbewahren und überbrachte es zusammen mit den Eheringen der Zielenzigers dem Sohn der Verstorbenen. Eric Zielenziger übergab das Original-Tagebuch der Wiener Library in London zur Aufbewahrung und wissenschaftlichen Erschließung.
Das vorliegende Tagebuch gehört zu den wichtigen authentischen Quellen, in denen der Lageralltag, die zunehmende Verschlechterung der Lebensumstände und auch die kulturelle Atmosphäre im Konzentrationslager Bergen-Belsen dokumentiert werden. Es bildet einen Merkstein einer großen Erzählung über die kontinuierliche Entrechtung, Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden und macht das zurück gebliebene Vakuum deutlich. Die kulturelle Vielfalt, die dieses Tagebuch aufweist, verdeutlicht auf schmerzliche Weise die Folgen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, die mit der Ermordung von Menschen auch deren Beitrag zu einer europäischen Bildungsgeschichte auslöscht.