„Hier kommst du nie mehr raus. Luxemburger Frauen im Zweiten Weltkrieg zwischen Widerstand, Verfolgung und Inhaftierung von Kathrin Meß

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Was können wir über die Luxemburger Frauen finden, die sich ab 1940 gegen die Besetzung ihres Landes durch die Nationalsozialisten engagiert haben? Was können wir wissen über sie? Diese Fragen stellte ich mir am Anfang meiner Recherchen.

Bereits während meiner Arbeit am Tagebuch und der Biographie von Yvonne Useldinger wurde mir bewusst, wie wenig über die anderen im Tagebuch genannten Luxemburger Inhaftierten zu erfahren war.[1] Manche Frauen kennen wir nur aus den Beschreibungen ihrer Kameradinnen. Über Marie Demuth beispielsweise erfahren wir aus der Perspektive der Tagebuchschreiberin Yvonne Useldinger, dass sie sich Sorgen macht um ihre kranke Freundin. Über Cécile Kips gibt es von Useldinger am 5.März 1945 nur eine kurze Eintragung, die ihren Tod dokumentiert: „Kips Bl.[lock] 10 +“. 

Auch im Archiv der Gedenkstätte Ravensbrück finden sich über die Luxemburger Frauen nur Informationen über ihre Ankunft im Lager oder über ihre Überstellung in andere Konzentrationslager, ihre Aufenthalte im Krankenrevier oder Arbeitseinsätze etc. Was sagen uns diese Listen, außer dass sie von einem Ort des Verbrechens zum nächsten transportiert wurden? In den von der Administration des Konzentrationslagers Ravensbrück erstellten sogenannten Zugangs- und Abgangslisten wurden nur marginale biographische Daten eingetragen wie Geburtsort und -datum, Nationalität und Haftgrund. Die Frauen waren im Lager zu Nummern entwürdigt, persönliche Angaben oder Interessen spielten nur eine Rolle, wenn diese von der Lagerleitung verwertet werden konnten.[2] Ich habe mich dann oft gefragt: Was waren das für Frauen? Worin bestand ihr Widerstand gegen die Besetzung Luxemburgs und wie entwickelte er sich? Hatten die Frauen Kinder, die sie zurücklassen mussten? Sind die Frauen befreit worden und was haben sie nach ihrer Befreiung gemacht? Lassen sich diesen abstrakten Zahlen und Statistiken auch persönliche Erinnerungen und Erzählungen entgegensetzen, die zeigen, dass es um ganz konkrete, persönliche Einzelschicksale geht?

Dies war der Ausgangspunkt für meine Recherchen, an deren vorläufigem Schlusspunkt diese Publikation steht. Ein wichtiges Ziel ist, die Luxemburger Frauen so oft wie möglich selbst zu Wort kommen zu lassen. Deshalb liegt der Schwerpunkt auf sogenannten „Ego-Dokumenten“ wie Tagebüchern, Briefen, Zeitzeugendokumenten sowie den Interviews, die ich ab 2006 u.a. mit den ehemaligen Luxemburger Häftlingen Germaine Paulus-Schaack, Madeleine Weis-Bauler, Victoria Arend-Kupersztajn und Marie Weiler-Kloster sowie mit Kindern, Enkeln und Verwandten von ehemaligen Häftlingen gemacht habe.[3] Die Interviews und Gespräche waren wichtige Suchbewegung und Annäherungen an das Thema. Sie stellen eine wichtige Quelle für dieses Buch dar. Die biographische Montage dieses Materials berücksichtigt die Eigenperspektive der Frauen und möchte ihren Standpunkt als Handelnde hervorheben. Die Auswertung von NS-Akten ist nach dieser Lesart lediglich als Ergänzung der hier vorgestellten Biographien zu verstehen.

Die Verfolgung und Inhaftierung der Frauen produzierte keine einheitliche Erfahrung. Jede Frau brachte einen anderen sozialen Erfahrungshintergrund mit, der die Wahrnehmung der Lagerhaft sowie die Befreiung und Rückkehr nach Luxemburg beeinflusste. In den Reflexionen und Erzählungen der Verwandten, die ich interviewt habe, wurden nochmals andere Aspekte thematisiert. Die hier dargestellten Geschichten der Luxemburger Frauen, die während des Krieges in Gefängnissen und Konzentrationslagern des Deutschen Reiches eingesperrt waren, kann deshalb nur eine Narration unter vielen sein und kein Anspruch auf Universalität erheben. Wir können nur einen kleinen, subjektiven Einblick erhalten in das umfassende Thema „Luxemburgerinnen im Frauen-KZ Ravensbrück“. Dieses Buch ist eine Sammlung von einzelnen Geschichten und Momentaufnahmen, die auf zahlreiche Leerstellen hinweisen, die wir vielleicht niemals füllen können. Da die Aktivitäten innerhalb der Luxemburger Resistenz gegen die nationalsozialistischen Besatzer absolut geheim bleiben mussten, sind sie nur insofern aktenkundig dokumentiert, wenn sie verraten, aufgedeckt und verfolgt wurden. Die Geschichte mancher Frauen, die ebenfalls in der Resistenz aktiv waren und durch Glück einer Verhaftung entgehen konnten, sind im Bestand des CNR (Conseil de national de la résistance) dokumentiert, wenn sie zum Beispiel von den Ortsverbänden ihrer Widerstandsorganisationen für eine Auszeichnung vorgeschlagen wurden. 

[1] Kathrin Meß (2008), „als fiele ein Sonnenschein in meine einsame Zelle. Das Tagebuch der Luxemburgerin Yvonne Useldinger aus dem Frauen-KZ Ravensbrück, Berlin: Metropol.

[2] Zum Beispiel wenn eine künstlerische Begabung vorlag, die für Aufträge ausgenutzt werden konnte. Siehe dazu: Kathrin Mess (2019), „Dann habe ich keinen Hunger mehr gespürt…“ Kunst zwischen Widerstand, Zeugnis und Überlebensstrategie im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück am Beispiel der Luxemburgerin Yvonne Useldinger, Luxemburg: Institut für Geschichte und Soziales.

[3] Aufgezeichnet und transkribiert wurden die Interviews von der Filmemacherin Loretta Walz und zum Teil finanziert mithilfe des CID-Femmes Luxemburg. Loretta Walz Videoproduktion, Kopien im IGSLux, Sammlung Luxemburgerinnen. Bereits 1995 wurde das erste Interview mit Yvonne Useldinger in der Gedenkstätte Ravensbrück aufgenommen. Archiv der Gedenkstätte, Kopie und Transkription im IGSLux.

[4] In den Akten des CNR sind insgesamt 707 Frauen verzeichnet, die zu Lebzeiten und/oder nach ihrem Ableben mit der staatlichen Auszeichnung, der Medaille bzw. mit dem Croix de l’ordre de la résistance ausgezeichnet wurden.