„Ich möchte so gerne überdauern…“: Das Tagebuch von Lilly Zielenziger aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen – Buch

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Buch Kathrin Mess
Das Tagebuch von Lilly Zielenziger aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen (Bergen-Belsen Kleine Reihe

Die Berlinerin Lilly Zielenziger führte vom 29. September bis 20. November 1944 im „Aufenthaltslager“ des KZ Bergen-Belsen heimlich ein Tagebuch. Dorthin war sie am 1. Februar 1944 gelangt – nach ihrer Flucht (1933 bis 1942) zuerst nach Frankreich und später in die Niederlande sowie ihrer Verhaftung und Deportation ins Lager Westerbork (1943 bis 1944). 

Auszüge aus dem Tagebuch:

  1. Oktober 1944

Heute feiern wir zum 2. Mal im Camp Frau Rosenbergs Geburtstag, und es ist rührend, was für Gaben die vielen, vielen Menschen herbeitragen, um dieser bezaubernden Frau ihre berechtigte Dankbarkeit zu beweisen. Aus Brot hat man Törtchen geschnitten und mit Jam verziert, Butter, Käse, Zwiebeln ebenso gut wie Taschentücher, Puder und Gürtel zieren den „Tisch“, d.h. unser Mittelbett, das von allen staunend umlagert wird.

Montagabend fand bei uns eine Zukkoth-Veranstaltung statt, bei der Krieg sang, der auch am folgenden Nachmittag den Kindern viel Freude verschaffte, unterstützt von einem holländischen Herrn und Isi Kahn. Bezaubernd war es, die Freude der Kinder zu sehen, wie stolz sangen sie alle ihre jüdischen Lieder und wie herrlich schmeckte ihnen das einfache Brot mit kaltem Kürbis belegt. Und wieder stand ich bewundernd vor der Stärke und Erhaltungskraft des jüdischen Volkes, ohne den eigenen universellen Standpunkt jemals verlieren zu können. Sehr nette Gespräche führe ich manchmal des Abends mit meiner hinteren Bettnachbarin, Frau Reiss, die mir gestern Abend von ihrer Bildersammlung erzählte, woran sich dann noch eine Unterhaltung über Ästhetik knüpfte. Und wir alle hatten wieder einmal heissen Neid auf alle, die draussen jenseits vom Stacheldraht Gelegenheit haben, menschliche Kulturleistungen in all den vielen Museen zu bewundern. Das ist ebenso neiderregend, wie der Neid auf die physische Ernährung draussen in der Welt, für uns, die wir nur Hässlichkeit und Schmutz sehen. 

Gestern starb hier wieder ein junger Mann von 29 Jahren plötzlich, und in mir brach wieder alles Leid von neuem auf, und eine schlaflose Nacht liegt hinter mir.

  1. Oktober 1944

Gestern hatte ich wieder eine anregende Unterhaltung mit Herrn Rosenberg, der mir eine nationalökonomische Erklärung abgab über das Zustandekommen der hiesigen „Warenkurse“ auf der Währungsbasis von Brot. Eine Inflation ist unmöglich, da nur soviel gehandelt werden kann, als Brot als Deckung vorhanden ist, also das Schacht’sche Ideal ist hier gegeben. Es ist für mich interessant zu beobachten, wie hier in diesem Mikrokosmos sich ein soziales und soziologisches Leben entfaltet genau wie im Leben jenseits vom Stacheldraht, ähnlich wie auf dem Musa Dagh. Wenn auch die Basis kommunistisch ist: jeder dasselbe Bett von 50 cm Breite, jeder dasselbe Essen aus dem gleichen Gefäss etc., so treibt der Kapitalismus doch seine Blüten in der individuellen Ausnützung der Fähigkeiten. Ob der Intellektuelle Sprachstunden gibt oder Bücher verleiht, ob die Frauen je nach Begabung als Waschfrauen oder Hausschneiderinnen fungieren, um alle das heissersehnte Brot zu verdienen. Dazwischen bewegen sich die Handeltreibenden Vermittler, zum Teil verschämt camoufliert, zum Teil genauso spekulantenhafte Schieber, die auch im normalen Leben nur Nonvaleurs sind und von solchen abnormen Zuständen profitieren wie s. zt. in den Inflations- und Krisenjahren.

Und selbst das emotionelle Leben besteht im gleichen Masse. So wie viele Menschen sterben, so werden Kinder geboren, so entstand sogar eine Verlobung im Altersheim groteskerweise, so bestehen Liebesverhältnisse aller Art bei allem erzwungenem [sic] Platonismus. Eine verheiratete Frau vergiesst Tränen um ihren alten Freund, eine andere weint bitterlich, als ihr langjähriger Freund verlegt wird in ein anderes Lager. Eine Frau begrüsst morgens zuerst auf dem Appellplatz ihren Freund, und abends beschliesst sie den Tag mit Mann und Sohn. So kann man auch hier objektive Beobachtungen machen und menschliche Psychologie betreiben. –

 

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